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2010-07-13
Äthiopien: Gewalt und Kinderehen tabu
Gelebte Gleichberechtigung in Awra-Amba

Von Omer Redi

Awra-Amba. Fantaye Adem wurde mit 13 verheiratet. Inzwischen hat die 18-Jährige drei Kinder zur Welt gebracht. Wäre sie in Awra-Amba aufgewachsen, könnte sie sich mit der Mutterschaft noch mindestens ein Jahr Zeit lassen. Denn hier, in dem kleinen Dorf etwa 700 Kilometer nördlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, ticken die Uhren anders als im Rest des Landes.

Seit einem halben Jahr lebt Fantaye Adem mit ihrem 35-jährigen Mann Dewaye Masresha und ihren Kindern in Awra-Amba. In dem Weiler sind Kinderehen untersagt. Frauen dürfen frühestens mit 19, Männer mit 20 heiraten. Bis heute wird die Regel in der Ortschaft streng befolgt, während es anderswo im Land üblich ist, neunjährige Mädchen mit älteren Männern zu vermählen. "Awra-Amba für uns Frauen der Himmel", meint Fantaye dazu.

Frauengesundheit und –bildung profitieren

"Die Menschen in Awra-Amba haben ihre eigenen Werte geschaffen, an die sich freiwillig halten", bestätigt Zelalem Getachew vom Frauenbüro des Regionalstaates Amhara. Dies habe zu einem Rückgang von Geburtsfisteln und anderen geburtsbedingten Gesundheitsproblemen geführt. "Wir können zwar keine wissenschaftliche Vergleichszahlen vorlegen", meint sie. "Doch nirgendwo sonst ist die Müttersterblichkeit niedriger als Awra-Amba."

Ein weiterer Vorteil sind Fortschritte im Bereich der Mädchenbildung, Frühe Schwangerschaften führten unweigerlich zu Schulabbrüchen, berichtet Zenaye Tadesse von der Äthiopischen Juristinnen-Vereinigung, der größten äthiopischen Frauenorganisation. "Später zu heiraten, beugt auch psychologischen Problemen vor, wie sie Mädchen bekommen können, die isoliert im Haushalt arbeiten müssen, anstatt mit Gleichaltrigen spielen zu können."

Gleichheit der Geschlechter

In den Augen der Dorfbewohner sind alle Menschen gleich, ihre gelebten Prinzipien "gottgewollt und richtig". "Meine Mutter ist ein Frau, mein Vater ein Mann, aber beide sind menschliche Wesen", sagt Zumra Nuru, der 63-jährige Gründer der Kolonie im IPS-Gespräch. "Als Kind habe ich meine Mutter immer für besonders stark gehalten, weil sie anders als mein Vater nach der Feldarbeit weitergearbeitet hat. "

Zumra interessiert sich seit jeher für Werte, die von der Norm abweichen. Wegen seiner Pläne, Awra-Amba zu gründen, hielten ihn viele für verrückt, andere wiederum konnte er für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Mann und Frau gewinnen. Seit den 1990er Jahren gibt es die Ortschaft, in der beide Geschlechter gleichwertig am Gemeindeleben teilnehmen, den Haushalt führen und bei der Besetzung von Stellen, allein nach ihren Fähigkeiten ausgewählt werden. Die Baumwollproduktion ist die Haupteinnahmequelle der Ortschaft.

Birtukan Kibret ist in Awra-Amba geboren und aufgewachsen. Sie ist die Fremdenführerin des Ortes. Wenn sie am Ende eines langen Tages müde nach Hause kommt, kann sie sich gleich an den gedeckten Tisch setzen, denn die fünfköpfige Familie wird von ihrem Mann bekocht. "Gleichberechtigung bedeutet, die familiären Lasten gemeinsam zu tragen", sagt sie. "Auch wenn mein Mann ein guter Koch ist, heißt das nicht, dass ich ihm diese Arbeit nicht auch mal abnehme. Gleichberechtigung ist weniger eine Frage der Aufgabenverteilung als der Haltung."

Gewalt gegen Frauen verboten

Innerfamiliäre Gewalt ist in Awra-Amba ebenso streng verboten wie Kinderheiraten. Dass diese Regel auch strikt eingehalten wird, dafür sorgt einer von 13 Gemeindeausschüssen, die für das Wohl des Dorfes und der Familien zuständig sind. Kommt es dennoch zu Gewalt, werden die Täter bestraft und Paare auch schon mal geschieden. Wiederholungstäter müssen die Ortschaft verlassen.

Awra-Amba macht inzwischen Schule. So haben einflussreiche Bürger aus Awi, einer ländlichen Gemeinde im Nordwesten Äthiopiens, von dem Dorf inspirieren lassen. Wie Getachew vom Amhara-Frauenbüro berichtet, sind die ersten Erfolge bereits sichtbar. (afrika.info/IPS)

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