2010-07-16 Malawi: Für arme HIV-Patienten zu teuer
WHO empfiehlt bessere Aids-Medikamente
Von Claire Ngozo
Lilongwe. Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), HIV-Infizierte früher als bisher mit neuen, besser verträglichen antiretroviralen Medikamenten zu behandeln, gefährdet in Malawi die bislang kostenlose Behandlung vieler armer HIV-Patienten. Die moderne und gut dreimal so teure Therapie würde tiefe Löcher in das Gesundheitsbudget des südostafrikanischen Landes reißen.
Malawis ziviles Netzwerk für Menschen mit HIV/Aids (MANET+) befürchtet, dass in Zukunft nicht mehr alle Patienten mit Antiretroviralen versorgt werden können. "Schon jetzt versagt die Regierung bei der kostenlosen Behandlung vieler Kinder, Aidswaisen und anderer besonders bedürftiger Patienten, die auf diese lebensverlängernden Medikamente angewiesen sind", sagte MANET+-Sprecher George Kampango. "Besonders arme Kinder werden ins Hintertreffen geraten. Ihr Zugang zu den Antiretroviralen hat schon jetzt keine Priorität.
Eine Million der 13,1 Millionen Malawier sind mit dem HI-Virus infiziert, 500.000 Malawier bereits an Aids gestorben. Auch die meisten der etwa 560.000 Kinder, die ihre Eltern durch Aids verloren haben, sind nach amtlichen Angaben HIV-positiv. 65 Prozent der Landesbevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und haben pro Tag umgerechnet weniger als einen US-Dollar zum Leben.
Noch versorgt Malawis Regierung 250.000 HIV-Patienten kostenlos mit den Medikamenten Stavudin, Lamivudin und Nevirapin. Wegen der zahlreichen Nebenwirkungen rät die WHO, HIV-Infizierte mit Zidovudin oder Tenofovir zu behandeln, die mit rund 100 Dollar dreimal teuer sind als die bisher eingesetzten Antiretroviralen. Darüber hinaus sollen Patienten zur Stärkung ihres Immunsystems früher als bisher und länger mit den neuen Antiretroviralen behandelt werden, und zwar ab einer CD4-Zellzahlbestimmung von 350 statt wie bisher 200 dieser Helferzellen pro Kubikmilliliter Blut.
Die WHO hatte die überarbeiteten Richtlinien für die Behandlung von HIV-Patienten und für die Vorbeugung einer Übertragung des HI-Virus von infizierten Müttern auf ihre Kinder am 30. November 2009 veröffentlicht. "Auch wir werden uns an diese Empfehlung halten", meinte dazu die Ärztin Mary Shawa, die im Gesundheitsministerium für Ernährung HIV/Aids zuständig ist.
Teurere Medikamente, längere Therapie
"Damit verlängert sich die Therapie für HIV-Patienten um etliche Jahre, sodass die Kosten für Antiretrovirale steigen", meinte MANET+-Sprecher Kampango. "Schon jetzt fehlt der Regierung das Geld, um alle bedürftigen HIV-Patienten kostenlos zu behandeln. Die neuen WHO-Richtlinien werden die Situation noch verschlimmern."
Diese Sorgen quälen auch Malita Luka. Die 35-Jährige lebt in der Landeshauptstadt Lilongwe im Bezirk Nsalu. Vor einem Jahr wurden sie und ihr neunjähriges Kind HIV-positiv getestet. Seitdem wartet sie vergeblich darauf, von der Regierung kostenlos mit Antiretroviralen versorgt zu werden. "Mein Kind und ich sind ständig krank und sollten behandelt werden", klagte sie. "Doch die Mediziner meinen, für eine Therapie seien wir noch nicht krank genug."
Auch ihre HIV-positive Cousine, die als Händlerin beiderseits der Landesgrenze gutes Geld verdient, hatte vergeblich eine Behandlung mit kostenlosen Antiretroviralen beantragt. Jetzt wird sie von einem Privatarzt versorgt. "Ich kann mir das nicht leisten", meinte dazu Luka. "Ich fürchte, es wird noch schwieriger sein, für mich und mein Kind kostenlose ART zu erhalten, die sogar für die Regierung teurer werden."
Mangel an Geld und medizinischen Helfern
Über Geldmangel klagt auch Malawis Nationale Aids-Kommission (NAC). Die Treuhandgesellschaft koordiniert die HIV/Aids-Programme im Land. Vor Monaten hatte die geschäftsführende Direktorin der NAC, Bridget Chibwana, in den lokalen Medien festgestellt, die Übernahme der neuen Aids-Therapie lasse sich kaum finanzieren. Zudem fehle in Malawi die erforderliche Infrastruktur, und das medizinische Personal reiche nicht aus, kritisierte die Expertin.
Jetzt bemühe sich die Aids-Kommission um zusätzliche finanzielle Unterstützung durch den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Auch die Ankündigung von Finanzminister Ken Kandodo, im Regierungsetat für 2010/2011 werde das Gesundheitsbudget auf 300 Millionen Dollar aufgestockt, von denen 75 Millionen für die NAC bestimmt sind, könnte armen HIV-Patienten wie Luka neue Hoffnung geben.
Unterdessen plant MANET+ eine Kampagne, um zusätzliche Geldquellen für die Behandlung von HIV/Aids-Patienten zu erschließen und um die Regierung an ihre Verpflichtung zu erinnern, die Immunschwächekrankheit zu bekämpfen. "Wir sind dafür, die neuen WHO-Richtlinien gründlich zu überdenken, bevor sie übernommen werden", erklärte Kampango. (afrika.info/IPS)
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