2006-10-23 Niger: Hunger duch Marktwirtschaft
Nahrungsmittel oft teurer als in Europa
Brooklin (Kanada). Die chronischen Hungerkrisen in Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, sind nicht nur durch Armut verursacht. Erschwerend hinzu kommen nach neuen Berichten des US-amerikanischen 'Oakland Institute' und der Hilfsorganisation 'CARE International' verspätete Reaktionen der internationalen Gemeinschaft und das Diktum der Marktwirtschaft, propagiert von so wichtigen Institutionen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF).
Viele glaubten, Dürre und Heuschreckenplagen seien für die Hungerkatastrophe des letzten Jahres in Niger verantwortlich, sagt Anuradha Mittal, Exekutivdirektorin der Denkfabrik. Tatsächlich aber seien neben der grassierenden Armut fehlgeleitete Hilfsstrategien entscheidend für Krisen wie die des Jahres 2005, als ein Viertel der nigrischen Bevölkerung hungern musste.
Auch in Niger, wo 63 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag lebten, gebe es genügend Nahrungsmittel. "Aber die Menschen dort sind zu arm, um sie zu erwerben", bedauert Mittal. Die Katastrophe des letzten Jahres habe sich ereignet, obwohl die Nahrungsmittelproduktion nur 7,5 Prozent unter dem Bedarf gelegen habe.
Grundnahrungsmittel teurer als in Europa
Selbst während der Krise war ein Kilogramm Hirse in Niger teurer als ein Kilogramm Reis in einem europäischen oder US-amerikanischen Supermarkt. Einen der Gründe dafür sieht Frédérick Mousseau, Ko-Autor der Studie des Oakland Institute, in den Strukturanpassungsprogrammen von Weltbank und IWF. Sie hätten zur Abschaffung der Getreidereserven für Notzeiten und Aufgabe des staatlichen regulierten Getreidemarktes geführt.
Marktwirtschaftliche Prinzipien gelten in Niger mittlerweile auch für die medizinische Versorgung. Folge ist, dass Medikamente für das Gros der Armen unerschwinglich geworden sind, Krankheiten nicht kuriert werden und Einkommen ausfallen. Ein Übriges tun Schulgebühren. Sie sorgen dafür, dass in Niger derzeit nur 17 Prozent der Kinder zur Schule gehen.
Katastrophale Folgen hatte im letzten Jahr auch die entschieden zu späte Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf Warnungen von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF). Mit einem einzigen rechtzeitig ausgegebenen US-Dollar hätte ein Kind vor Unterernährung bewahrt werden können, heißt es in einer Studie von CARE International. Verzögerungen aber hätten die Kosten zur Rettung eines Kinderlebens auf 80 Dollar ansteigen lassen.
Trotz Hilfszahlungen in Höhe von 5,6 Milliarden Dollar hätten im letzten Jahr 35 Millionen Menschen im westlichen und südlichen Afrika und am Horn des schwarzen Kontinents Hunger gelitten, so die Organisation weiter.
Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) sind derzeit 50 Millionen Afrikaner auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Auf über 120 Millionen schätzt CARE International die Zahl der Afrikaner, die jederzeit in die Bedürftigkeit abstürzen können. Auch leiden in den Sahelstaaten am Rande der Sahara, zu denen auch Niger zählt, jährlich 300.000 Kinder an tödlicher Unterernährung.
Nötig wäre das nicht. Die Welternährungsorganisation (FAO) gibt an, dass weltweit genügend Nahrungsmittel existieren, um jeden Menschen täglich mit mehr als 2.000 Kalorien zu versorgen. Insgesamt leiden zurzeit 852 Millionen Menschen Hunger, aber auch eine Milliarde Menschen an Fettleibigkeit – 300 Millionen von ihnen gelten im medizinischen Sinne als adipös. (afrika.info Exportberatung/IPS)
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