Kenia: Vertreibung im Namen des Umweltschutzes

Schwere Übergriffe gegen indigene Jäger und Sammler

Von Matthew Newsome | 31.01.2014

Nairobi. Kenias Waldsicherheitskräfte vertreiben derzeit tausende Menschen. Besonders betroffen sind die Sengwer im Embobut-Wald im Westen des Landes. Die Maßnahmen sind Teil einer Strategie, die Umwelt zu schützen, die städtische Wasserversorgung zu sichern und 'wilde Siedler' aus dem Gebiet zu entfernen.

"Kenias Waldpolizei bedroht die Menschen im Embobut-Wald mit AK-47-Sturmgewehren", berichtet Yator Kiptum, ein Mitglied der Sengwer-Gemeinschaft im Gespräch mit IPS. "Ihre Schüsse lösen Panik unter den Familien aus, die in den Bergwäldern Schutz suchen."

Die Sengwer zählen 15.000 Mitglieder. Sie sind eine traditionelle Gemeinschaft von Jägern und Sammlern, die seit hunderten von Jahren im und vom Embobut-Wald leben. Um sie zu vertreiben, setzt die Regierung auf eine Politik der verbrannten Erde: Ihre Hütten und sämtlicher Besitz werden verbrannt.

Gravierende Rechtsverstöße

Menschenrechtsorganisationen verurteilen den Umgang mit den Waldbewohnern und werfen der Regierung vor, gegen nationale und internationale Umwelt- und Menschenrechte zu verstoßen. Der Landesverfassung zufolge müssen die Indigenen rechtzeitig von den Umsiedlungsplänen informiert werden und diesen zustimmen. Diese Auflagen wurden jedoch nicht erfüllt.

"Die Verfassung weist angestammte Territorien und Gebiete traditioneller Jäger und Sammler als Kollektivland der verschiedenen Gemeinschaften aus. Darauf nimmt die kenianische Regierung jedoch keine Rücksicht", kritisiert Tom Lomax vom 'Forest Peoples Programme', einer internationalen Organisation zum Schutz bedrohter Völker.

Die Behörden verstoßen aber nicht nur gegen nationale Grundrechte, sondern auch gegen die Biodiversitätskonvention (CBD) der Vereinten Nationen, die den Schutz traditioneller Gemeinschaften und ihrer Aktivitäten zur Bewahrung der Waldgebiete vorsieht.

Lomax zufolge haben die Sengwer eine tiefe Bindung zu den Cherangany-Bergwäldern, zu denen auch der Embobut-Wald gehört. Die Vertreibungen gefährdeten ihr physisches und kulturelles Überleben. "Es sind solche Übergriffe, die zum Niedergang ganzer Kulturen und Sprachen führen", warnt der Rechtsexperte. "Der Embobut-Wald ist den Sengwer heilig. Hier ruhen ihre Ahnen. Außerdem wissen die Indigenen nicht, wo sie sonst hinsollten."

In einer Stellungnahme zu der Kritik an den Zwangsvertreibungen erklärte der erste Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Wasser und natürliche Ressourcen, Richard Lesiyampe, dass die Menschen den Wald "freiwillig" verließen. "Wir haben sie zum Verlassen des Waldes aufgefordert, denn der Schutz eines wichtigen kenianischen Wasserreservoires steht auf dem Spiel. Doch wird niemand gezwungen. Alle gehen freiwillig."

Während der letzten 20 Jahre haben Erdrutsche und Gewaltausbrüche im Zusammenhang mit Wahlen eine Vielzahl von Menschen zu Vertriebenen gemacht, die in den Embobut-Wald in den Cherangani-Bergen ausgewichen sind. Seither sehen sich die Sengwer mit dem Problem konfrontiert, mit den 'wilden Siedlern' in einen Topf geworfen zu werden. Obwohl die Volksgruppe beim High Court in Eldoret eine einstweilige Verfügung gegen ihre Vertreibung erwirken konnte, gehen die Vertreibungen weiter.

Die kenianische Regierung hat jeder Familie, die das Waldgebiet verlässt, eine einmalige Zahlung von 400.000 Schilling (etwa 4.600 US-Dollar) als Entschädigung in Aussicht gestellt. Doch für die Sengwer kommt dieser Tausch nicht in Frage.

Vorwürfe gegen die Weltbank

Die Regierung rechtfertigte die Vertreibungen von 2007 bis 2011 und im Jahr 2013 mit einem von der Weltbank finanzierten Ressourcenschutzprogramm, das zur Ziehung neuer Grenzen innerhalb der Cherangani-Waldreservate geführt hatte. Aufgrund der neuen Grenzen befanden sich die Sengwer urplötzlich in einem ausgewiesenen Naturschutzgebiet wieder. Das Weltbankprogramm ist inzwischen Gegenstand einer internen Untersuchung.

"Nicht nur die kenianische Regierung, auch die Weltbank sollte für das Leid der Sengwer zur Verantwortung gezogen werden", fordert Freddie Weyman, Afrika-Kampagnenführer von 'Survival International'. "Denn erst die neuen Grenzen haben die Volksgruppe zur Zielscheibe der Vertreibungen gemacht. Das war nun schon das siebte Mal in sieben Jahren seit Beginn des Weltbankprojekts, dass ihre Hütten im Embobut-Wald niedergebrannt wurden."

Liz Alden Wily, Wissenschaftlerin des 'Rights and Resources Institute', wirft der kenianischen Regierung vor, mit ihrer Vertreibungspolitik einem längst überholten Umweltschutzverständnis anzuhängen, das noch aus der Kolonialzeit stammt. Dieses Konzept, das die Anwesenheit von Menschen grundsätzlich ausschließt, übersehe jedoch die Bedeutung traditioneller Waldbewohner beim Schutz der natürlichen Ressourcen.

"Die Ogiek und Aakuu (Sengwer) leben von der Jagd, sammeln Honig und betreiben in einem kleinen Umfang Viehzucht und Landwirtschaft. Die Wälder garantieren ihr Überleben. Deshalb werden sie kaum die Wälder abfackeln oder abholzen", betont Wily.

Seit den 1970er Jahren haben die kenianischen Behörden wiederholt versucht, die Sengwer in andere Gebiete umzusiedeln. "Doch damit bewirken sie genau das Gegenteil: das Vordringen von Plantagenanbau und Landwirtschaft", warnt Justin Kenrick vom 'Forest Peoples Programme'. "Das Umweltschutzmodell der kenianischen Regierung dient als Feigenblatt, um die traditionellen Waldbewohner im Vorfeld der Zerstörung indigener Wälder zu vertreiben." (afr/IPS)

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