Kenia: Nicht auf Rosen gebettet

Arbeiterinnen in der Blumenindustrie sind wenig geschützt

Von David Njagi | 25.06.2013

Naivasha. Catherine Mumbi hat als ehemalige Beschäftigte in der Blumenindustrie nur schlechte Erfahrungen gemacht. Erst wurde sie schwerkrank, dann sexuell belästigt und zum Schluss gefeuert. Zwei Monate lang musste Mumbi wegen eines Leberleidens in einem Krankenhaus behandelt werden. Als es ihr besser ging, wollte sie an ihren Arbeitsplatz zurück.

Doch die Rückkehr hätte nur funktioniert, wäre sie ihrem Vorgesetzten sexuell entgegengekommen. Doch für einen solchen Deal war Mumbi nicht zu haben. "Am nächsten Morgen klopfte ein Wachmann an meine Tür. Er überreichte mir einen Brief und teilte mir mit, dass ich das Betriebsgelände unverzüglich zu verlassen habe. Seither bin ich arbeitslos und lebe seit Dezember 2011 von dem, was mir großzügige und wohlmeinende Menschen schenken", berichtet sie. Das ist bitter, zumal es gut möglich ist, dass Mumbi ihr Leberleiden dem ständigen Kontakt mit den giftigen Chemikalien verdankt, denen sie auf der Blumenfarm ausgesetzt war.

Wer sich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen in der kenianischen Blumenindustrie machen will, stößt häufig auf Hürden. Die Blumenfarmen in Naivasha in der Provinz Rift Valley beispielsweise werden von Wachmännern gesichert.

Die Gewächshäuser haben eine Größe von acht mal 60 Metern. Hier herrscht bis auf die gelegentlichen Anweisungen, die der Vorarbeiter den mehrheitlich weiblichen Arbeitern zubellt, weitgehend Ruhe. Unermüdlich werden die Rosen gepflückt, beschnitten und aufeinandergetürmt. Selbst der Geruch von frisch versprühten Chemikalien führt nicht zu einer Unterbrechung der Arbeit. Hier bedeutet jede schöne Rose eine kürzere Lebenszeit für die Beschäftigten.

Einsatz giftiger Agrarchemikalien

Charles Kasuku, ein Sozialarbeiter aus Naivasha, hat unlängst an einer Untersuchung der Arbeitsbedingungen in Kenias Blumenindustrie mitgewirkt. Wie er berichtet, kommt es vor, dass die Aufschriften auf den Chemikalienkanistern überklebt werden, um die Toxizität mancher Substanzen zu verschleiern.

Wie er berichtet, sind die ersten Kampagnen gegen die Verwendung von Brommethan (Methylbromid), einem Begasungsmittel für den Pflanzenschutz, in Kenia 1998 angelaufen. Doch noch zeigen Untersuchungen, dass der Wirkstoff auch weiterhin im Gartenbau zum Einsatz kommt.

Der Einsatz von Agrargiften erklärt seiner Meinung nach, warum in vielen Gesundheitszentren im Umfeld der Blumenfarmen auffallend viele Menschen mit merkwürdigen Krankheitsbildern behandelt werden. "Erst kürzlich ist jemand an den Folgen sogenannter 'chemischer Komplikationen' gestorben."

Wie Experten vom Medizinischen Forschungsinstitut Kenias (KEMRI) gegenüber IPS berichten, sind Leberprobleme, Atembeschwerden, Impotenz und Krebs häufige Erscheinungsbilder, die den Kontakt mit Agrarchemikalien nahelegen. "Allerdings stellen sich die schlimmsten Auswirkungen häufig erst nach Jahren ein", meint Mohamed Karama von KEMRI im Gespräch mit IPS. "Die Menschen sollten auf keinen Fall über lange Zeiträume in Treibhäusern arbeiten."

Das Ausmaß der Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in der kenianischen Blumenindustrie ist kein Geheimnis. Es wurde bereits in zahlreichen Dokumentarfilmen belegt. So zeigt der kürzlich fertiggestellte Streifen 'Women of Flowers' ('Blumenfrauen'), dass die Beschäftigten der Blumenindustrie so wenig verdienen, dass sie noch nicht einmal in der Lage sind, eine Krankenhausrechnung zu bezahlen.

Im Zuge einer Parlamentsdebatte kam ferner heraus, dass den Saisonarbeitern Monatslöhne in Höhe von 47 US-Dollar gezahlt werden. Das entspricht noch nicht einmal der Hälfte der 118 Dollar, die die kenianische Verfassung als monatlichen Verdienst von Gelegenheitsarbeitern vorsieht. Die Farmarbeiter selbst wehren sich nicht, zu groß ist ihre Angst, arbeitslos zu werden.

Blumenarbeiterinnen mehrheitlich sexuell belästigt

Aus einem im Mai veröffentlichten Bericht von 'Workers Rights Watch', einer Vereinigung kenianischer Lohnarbeiter, Gewerkschafter und Politiker, geht hervor, dass 60 Prozent aller weiblichen Beschäftigten zudem Gefahr laufen, sexuell belästigt zu werden.

Die Gartenbauentwicklungsbehörde schätzt, dass der Sektor mehr als 70.000 Frauen beschäftigt. Dem Kenianischen Blumenrat (KFC) zufolge arbeiten fast 100.000 Menschen für die Blumenindustrie des Landes, die sich aus rund 2.500 kleinen Farmen und 150 mittel- bis großen Farmen zusammensetzt.

Der Gartenbau ist für Kenia ein wichtiger Devisenbringer. Der KFC schätzt, dass der Industriezweig jedes Jahr rund eine Milliarde Dollar erwirtschaftet. Doch den Tausenden von Frauen bringt der Sektor vor allem Leid, das sie stillschweigend ertragen.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) verpflichtet Staaten dazu, ihre Bürger vor arbeitsrechtlichen Exzessen und Übergriffen zu bewahren. Dann gibt es noch das Kenianische Direktorat für Sicherheits- und Gesundheitsleistungen im Beruf, dessen Aufgabe es ist, die Gewerkschaften des Landes zu stärken, damit sie die Beschäftigten besser schützen können.

"Doch Inspektionen finden nicht mehr statt", kritisiert Mary Kambo von den Gemeindebasierten Entwicklungsdiensten in Anspielung auf die Umsetzung des ILO-Übereinkommens zur Arbeitsaufsicht in Gewerbe und Handel.

Kenias Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Beatrice Kituyi, verweist jedoch auf die Webseite ihrer Behörde. Auf ihr seien die vielen Fortschritte bei der Umsetzung der Konvention genau aufgeführt. "Kenia ist auf Kurs, was die Umsetzung der ILO-Konvention angeht", versicherte sie unlängst gegenüber IPS.

Auch von Gewerkschaftern kommen optimistische Töne, und der KFC hat nach eigenen Angaben seine Mitglieder, mehrheitlich große Blumenfarmer, aufgefordert, sich an Gesundheits- und Umweltstandards zu halten.

Wie die KFC-Vorsitzende Jane Ngige versichert, halten sich die Blumenfarmer an die KFC-Spielregeln. "Wer von ihnen mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht wird, hat keinen Zutritt zu unserem Rat", betont sie. "Sie müssen sich an ethische Standards halten."

Doch der Sozialaktivist Benjamin Tilapei winkt ab. Der KFC sei vor allem am Wohlergehen der Großproduzenten und weniger an den Armen interessiert, die auf den Farmen schuften. (afr/IPS)

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