Libyen: Zwischen den Fronten

Amazigh in Zuwara fordern ihre Rechte ein

Von Karlos Zurutuza | 15.12.2014

Zuwara. In der libyschen Stadt Zuwara gibt es ein Gebäude, das zu einem Freizeitzentrum für junge Leute umgebaut wurde. Pausenlos wird hier Musik gespielt, ein Radiokanal ist auf Sendung und sogar eine Kunstausstellung zu sehen. Allerdings liegen überall Waffen herum, und die meisten Besucher tragen Tarnkleidung. Die Amazigh wollen für ihre Rechte kämpfen - im Notfall mit Waffengewalt.

UntitledBondok Hassem (links im Bild) montiert eine Mörsergranate im Haus der Jugend in Zuwara (Bild: Karlos Zurutuza/IPS).

Zuwara ist eine Enklave der Amazigh (Berber) 120 Kilometer westlich von Tripolis nahe der Grenze zu Tunesien. Das Zentrum heißt 'Tifinagh', so wie das Alphabet der Amazigh. "Das Gebäude gehörte einem früheren Mitglied des Geheimdienstes von Muammar al Gaddafi. Wir nutzen es als Haus der Jugend", sagt der Elektriker Fadel Farhad, der in der lokalen Miliz aktiv ist.

Nachdem die Araber im siebten Jahrhundert nach Christus in die Region gekommen waren, begann ein schleichender Prozess der Arabisierung, die in den vier Jahrzehnten der Gaddafi-Herrschaft von 1969 bis 2011 vehement vorangetrieben wurde. Inoffiziellen Schätzungen zufolge leben in Libyen etwa 600.000 Amazigh, die somit etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

In ständiger Alarmbereitschaft

Wie die anderen jungen Leute in dem Zentrum weiß auch Farhad, dass er immer einsatzbereit sein muss. Der jüngste Angriff auf Zuwara ereignete sich erst Ende November, weniger als einen Kilometer von dem Haus entfernt. Bei dem Luftangriff auf ein Nahrungsmittellager wurden zwei Libyer und sechs Migranten aus der Subsahara-Region getötet.

Drei Jahre nach dem Sturz Gaddafis befindet sich Libyen immer noch in einem Zustand des politischen Aufruhrs, der das Land bereits an den Rand des Bürgerkriegs getrieben hatte. Es gibt zwei Regierungen und zwei Parlamente, die sich auf Tripolis und Tobruk, 1.000 Kilometer östlich der Hauptstadt, verteilen.

In Libyen treiben mehrere Milizen ihr Unwesen, die sich zwei verschiedenen paramilitärischen Bündnissen angeschlossen haben. 'Fajr' ('Morgengrauen' auf Arabisch) wird von den Misrata-Brigaden angeführt, die Tripolis kontrollieren. 'Karama' ('Würde') steht unter dem Kommando des ehemaligen Armeegenerals Khalifa Haftar und operiert von Tobruk aus.

"Hier in Zuwara sind etwa 5.000 Männer in unterschiedlichen Milizen aktiv", sagt Younis, ein Kämpfer, der seinen vollständigen Namen nicht nennen will. "Wir haben uns das alles nie gewünscht, doch alle unsere Feinde kämpfen auf der Seite der Milizen in Tobruk", erklärt der 30-Jährige.

Die Polarisierung des Konflikts in Libyen hat mehrere Amazigh-Milizen veranlasst, sporadisch auf Seiten der Misrata-Koalition zu kämpfen, zu der auch islamistische Gruppen gehören.

In dem Haus in Zuwara dröhnt aus zwei Lautsprechern ein Mix aus traditioneller Amazigh-Musik und Heavy Metal. Die Mischung ist dem 30-jährigen Bondok Hassem zu verdanken, einem bekannten Musiker, der auch die Sprache der Amazigh lehrt und die Tamazgha-Miliz anführt.

"Sowohl die Milizen in Misrata als auch in Tobruk wollen Leitwölfe in diesem Krieg werden. Wir alle sind uns bewusst, dass der Sieger, wer immer er sein mag, uns sofort angreifen wird. Deshalb sind wir gezwungen, unser Land mit allen Mitteln zu verteidigen", erklärt Hassem, während er immer wieder einen Schluck von dem lokalen Schnaps 'Boja' nimmt.

Staatengemeinschaft gespalten

Behindern am Ende die internationalen Koalitionen, die in den Konflikt eingegriffen haben, die ohnehin schwierige Einigung zwischen beiden Seiten? Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Frankreich unterstützen das Bündnis in Tobruk, während Katar und die Türkei die wichtigsten Alliierten der Brigaden in Misrata sind.

Die NATO ist offenbar unentschlossen, ob sie sich aus dem Krieg heraushalten und beobachten soll, wie die Gewalt außer Kontrolle gerät. Die meisten diplomatischen Missionen sind längst aus Tripolis abgezogen. Nur Italien und Ungarn sind geblieben.

Moussa Harim gehört zu denjenigen, die sich auf Seiten der Regierung in Tripolis nicht unwohl fühlen. Der Amazigh, der in Jadu, der Amazigh-Hochburg in den Nafusa-Bergen etwa 100 Kilometer südlich von Tripolis geboren wurde, verbrachte die Jahre der Gaddafi-Herrschaft im Exil in Frankreich. Nach dem Sturz des Diktators wurde er im März 2012 stellvertretender Kulturminister.

Harim sieht die Islamisten zwar als Bedrohung, verweist aber zugleich darauf, dass in Misrata Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung leben, darunter auch Kommunisten. Er sieht die Amazigh vor allem aufgrund der geografischen Lage unaufhaltsam zu den Brigaden in Misrata hingetrieben. "Bis auf eine kleine Enklave im Osten lebt unser Volk im Westen des Landes", erklärt er. "Die meisten in Tripolis."

Fathi Ben Khalifa, zwischen 2011 und 2013 Präsident des Weltkongresses der Amazigh, meint hingegen in einem Telefongespräch von Marokko aus, dass der Krieg die Amazigh nicht betrifft. "Das ist ein Konflikt zwischen arabischen Nationalisten und Islamisten. Keiner von ihnen wird jemals unsere Rechte anerkennen", sagt der aus Zuwara stammende Amazigh, der jahrzehntelang als politischer Dissident aktiv war.

Der Weltkongress ist eine internationale Organisation zum Schutz der Amazigh-Rechte mit Sitz in Paris. Ben Khalifa gehört der Dachorganisation nach wie vor als Vorstandsmitglied an. Sollte die neue libysche Verfassung, die für den 24. Dezember angekündigt ist, die legitimen Rechte der Amazigh nicht anerkennen, sei es an der Zeit, zu den Waffen zu greifen, sagt er.

Inzwischen geht die Sonne unter, und die Milizionäre erholen sich von den anstrengenden Patrouillen und Einsätzen an Kontrollpunkten in der gesamten Stadt. Im Haus der Jugend legen sie die Gewehre ab und greifen zur Harmonika oder Gitarre. An diesem Abend spielen sie Lieder von Matloub Lounes, einem Sänger aus der algerischen Amazigh-Hochburg Kabylei.

"Ich kann das Ende des Krieges kaum erwarten", meint Anwar Darir, der seit 2011 die Sprache der Amazigh unterrichtet. "Ich werde meine Uniform verbrennen und sofort an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren." Doch ein Ende des Konflikts in Libyen ist drei Jahre nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes nicht absehbar. (afr/IPS)

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