Südafrika: Justizsystem am Boden

Bürgerwehren nehmen in Townships überhand

Von Melany Bendix | 19.03.2014

Kapstadt. Margaret Feke* war gerade auf dem Weg zu ihrem Sohn, als sie in Khayelitsha - einem Township am Stadtrand von Kapstadt - überfallen wurde. Sie hatte Kleidung im Wert von 180 US-Dollar bei sich, die der Sohn bei einem Initiationsritual tragen sollte. Feke, die als Haushaltshilfe umgerechnet 15 Dollar täglich verdient, hatte die Kleidung mühsam in Raten abgezahlt.

Nur wenige Minuten, nachdem sie aus dem Taxi ausgestiegen war, wurde sie von einer Gruppe junger Männer hinterrücks attackiert. Die Angreifer schlugen ihr mit Knüppeln so lange auf die Arme, bis sie das Kleiderpaket und ihre Handtasche fallen ließ. Dann flohen sie mit der Beute, während die 46-Jährige geschockt auf der Straße lag.

"Ich war todunglücklich", erinnert sich die alleinerziehende Mutter von drei Kindern. "Ein halbes Jahr lang hatte gebraucht, um die Sachen abzubezahlen, und mein Sohn wollte am nächsten Tag abreisen. Ich saß nur da und habe geweint."

Ein Mann riet ihr, nicht zur Polizei zu gehen, sondern lieber Bewohner des Viertels zu bitten, die Schuldigen zu suchen und zu bestrafen. "Noch am selben Abend haben sie die Jungs gefunden. Einer von ihnen trug bereits die Jacke, die mein Sohn bekommen sollte. Sie schleppten die Täter auf ein Feld und verprügelten sie", erzählt Margaret Feke.

Selbstjustiz auf 'Feld des Todes'

Der Ort, in Khayelitsha inzwischen 'Feld des Todes' genannt, wird häufig zum Schauplatz von Selbstjustiz-Aktionen von Bürgerwehren. Im März 2012 wurden dort drei Männer, die angeblich einen Raubüberfall begangen hatten, auf besonders grausame Art hingerichtet. Man legte ihnen mit Benzin gefüllte Autoreifen um den Hals, die dann angesteckt wurden. Auf diese Weise waren während des Apartheidregimes mutmaßliche Informanten der Polizei getötet worden.

Handy-Fotos des jüngsten Gewaltaktes, den einige der 1.000 Zuschauer mit ihren Mobiltelefonen aufgenommen und im Internet verbreitet hatten, schockierten ganz Südafrika. Allerdings sind solche Tötungsdelikte in südafrikanischen Townships nicht neu. Laut einer im Zeitraum 2009 bis 2010 durchgeführten Studie des Zentrums für Gewaltforschung und Versöhnung bringen die Bürgerwehren im Kapstaat jeden Tag durchschnittlich zwei Menschen um.

Khayelitsha ist nach Erkenntnissen der südafrikanischen Polizei das Gebiet mit der höchsten Mordrate. Zwischen April 2011 und Juni 2012 wurden laut einem im August 2012 veröffentlichten Bericht mindestens 78 Menschen – im Schnitt fünf pro Monat – von wütenden Menschenmengen getötet.

Polizeisprecher Solomon Makagale hat sich bisher nicht zu den Vorfällen in Khayelitsha geäußert. Menschenrechtsaktivisten am Ort sind sich aber sicher, dass die Angriffe der Bürgerwehren im Laufe des vergangenen Jahres zugenommen haben. "Jeden Tag werden Menschen von diesen Gruppen zusammengeschlagen. Und für dieselben Verbrechen, für die sie Prügel beziehen, werden sie auch getötet, selbst wenn sie nur ein Mobiltelefon gestohlen haben", sagt Ian Hanson von der Gruppe 'Ndifuna Ukwazi', die eidesstattliche Erklärungen von Bewohnern des Viertels für eine Untersuchungskommission gesammelt hat, die sich mit den Vorfällen in Khayelitsha befasst.

Die Kommission war 2011 von Helen Zille, der Ministerpräsidentin der Provinz Westkap, einberufen worden. Eine Gruppe zivilgesellschaftlicher Organisationen hatte vorher eine formelle Beschwerde eingereicht, in der sie erklärte, dass sich Khayelitsha aufgrund unfähiger und korrupter Polizeikräfte in einer Krisensituation befinde. Die Kommission wird ihre Untersuchungsergebnisse voraussichtlich im Juni vorstellen.

Frust durch Untätigkeit der Strafverfolgungsbehörden

Phumzile Tyulu, der früher in dem Township lebte und sich jetzt für Ndifuna Ukwazi engagiert, bezeichnete die Umtriebe der Bürgerwehren in Khayelitsha als "endemisch". "Die Menschen sind sehr arm. Schon der Diebstahl eines Handys oder eines 20-Dollar-Scheines ist für sie sehr schlimm", sagt er. "Die Polizei hilft ihnen nicht, auch die Gerichte bleiben untätig. Selbst wenn ein Täter in flagranti erwischt wird, kommt er in der nächsten Woche wieder frei. Die Gemeinden haben die Nase voll. Alle haben das Vertrauen in das Strafrechtssystem und vor allem in die Polizei verloren. Deshalb gehen die Menschen nicht mehr zur Polizei, sondern wenden sich an die Bürgerwehren."

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Umfrage in der Bevölkerung, die im Auftrag der Untersuchungskommission durchgeführt und Ende Februar abgeschlossen wurde. Etwa ein Viertel der Befragten erklärten, dass die Polizei nichts unternehme, wenn ihr eine Straftat gemeldet werde. Die meisten der rund 500.000 Bewohner von Khayelitsha leben demnach in einem Zustand ständiger Angst. Viele sagen, dass sie sich in ihrer Umgebung nicht sicher fühlen.

"Der Einsatz der Bürgerwehren ist eine Reaktion aus der schieren Not heraus", sagt Hanson. "Normalerweise sind die Menschen gegen solche Formen der Gewalt, doch sie wissen sich nicht anders zu helfen." Fast ein Viertel der Bewohner von Khayelitsha finden es richtig, dass es die Bürgerwehren gibt und halten die Selbstjustiz für wirkungsvoller als das Eingreifen der Polizei.

Auch Feke ist dieser Ansicht. "Nachdem sie die Jungs verprügelt hatten, gestanden sie alles und führten die Bürgerwehr zu einem Schuppen, in dem sie ihr Diebesgut versteckt hatten. Ich habe alle Sachen für meinen Sohn zurückbekommen, auch meine Handtasche, in der noch mein Handy steckte. Das alles wäre nie geschehen, wenn ich zur Polizei gegangen wäre."

Andere Menschen wurden zu Unrecht Opfer der Bürgerwehren. "Oft wird die Identität von Personen verwechselt", weiß Tyulu. "Oder jemand wird absichtlich zu Unrecht beschuldigt, weil ein anderer noch eine Rechnung mit ihm offen hat. Es gibt keine 'faire Anhörung'. Die einzige Befragung findet statt, wenn der Beschuldigte bereits verprügelt worden ist. Verdächtige werden so lange misshandelt, bis sie gestehen - ob sie nun tatsächlich schuldig sind oder nicht." (afr/IPS)

*Name von der Redaktion geändert

| Tags: , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus